Wer gendert, wird klar gemacht

Die Pirat_innen-Partei hat mal wieder die Leinen los einen großen Medienrummel erzeugt und versteht die Welt nicht mehr. Er ist bislang vergleichbar groß wie der letzte Medienrummel um den Geschichtsrevisionisten Bodo Thiesen ist er nicht . Diesmal hat die Berliner Piratin Lena Simon die Parole „Klarmachen zum Gendern“ ausgerufen – und wurde versenkt und gerat dann ins Schwimmen.

Sicherlich ist richtig, dass Lena Simon sich geschickter hätte verhalten können: Eine Pressemitteilung, die nicht Pressemitteilung der Partei ist, muss nicht im Wiki der Partei stehen, solange sie nicht authorisiert wurde. Die Pressemitteilung während einem Landesparteitag zu lancieren, auf dem sie selbst nur vorübergehend, so wurde mir aus Pirat_innenkreisen gesagt, anwesend war, ist nicht zielführend. Und auch dass sie den Antrag auf Wahl einer Frauenbeauftragten stellte, sich dann aber nicht mehr nachhaltig darum kümmerte und das Thema nicht in die Tagesordnung der Landesmitgliederversammlung aufgenommen wurde, war sicherlich eher kontraproduktiv. Denn in einer heteronormativen Gesellschaft müssen Frauenrechtlerinnen (leider, aber faktisch) eines sein: besser, korrekter als die anderen, unangreifbar.

In der Sache hat Lena Simon aber Recht: eine Partei, in der Männer dominieren, bedarf es Räume für Nichtmänner, sich unabhängig zu organisieren. (Die von ihr gegründete „Piratinnen“-Mailingliste ist ein solcher autonomer Frauenzusammenhang.) Und das hat sogar kaum etwas mit Minderheitenschutz zu tun, da es sich bei Frauen um eine gesellschaftliche Mehrheit handelt. Vielmehr resultiert dies aus Erfahrungen der Frauenbewegung aus den 1960er Jahren. (So gesehen hinkt die Piratenpartei in Ablehnung dessen 40 bis 50 Jahre der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher!)

In der Piratenpartei existieren bereits Netzwerke, die sich mit Gender beschäftigen: Da gibt es die AG Frauen, die AG 2X die AG Gender, die AG 2G und die Queeraten. Die AG 2G befasst sich mit gesellschaftlicher Gleichberechtigung und will „eine weitgehende Chancengleichheit in allen Lebensbereichen unter der Prämisse der Gleichberechtigung“ erreichen. Sie vertreten einen politologischen Ansatz, der den Themenkomplex gründlich aufarbeiten will. Ihr gehört allerdings auch der Pirat, Männerechtler und Querfrontler Arne Hoffmann an, der unter anderem den Gender Pay Gap anzweifelt. Die AG Frauen diskutiert Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung überwiegend im Forum, wo aber auch viel rumgetrollt wird. Ein feministischer Frühling ist daraus bislang nicht entstanden. Die AG 2X – 2X steht für den weiblichen Chromonensatz. – ist auf Öffentlichkeitsarbeit ausgerichtet und versucht mit einer gezielten Frauenansprache das Geschlechterverhältnis in der Partei auszugleichen. Die AG Gender scheint mir ein Mittelding aus den AG 2G und Frauen zu sein. Gründungspunkt war die massive Blogkritik am Umgang der Pirat_innen mit Genderthemen letzten Spätsommer. Die AG wollte helfen, die feministische Debatten der letzten Jahre nicht zu verschlafen. In Ihr engagiert sich u.a. auch Arne Hoffmann. Die AG Queeraten sind der lesbisch-schwul-bi-trans-inter-und-queere Teil der Pirat_innen und damit das queere Sammelbecken der Partei. Ihr Ziel ist, die heteronormative Matrix zu knacken und eine bunte, offene Gesellschaft zu verwirklichen. Außerdem gibt es noch die AG Männer (siehe auch: Arne Hoffmann). Dabei handelt es sich um den politischen Arm der antifeministischen Männerrechtsbewegung, der übrigens eine für Nichtmitglieder gesperrte Webseite (ag-maenner.de) hat – ein von niemandem kritisierter autonomer Männlichkeitszusammenhang! Es sei jedoch darufhin gewiesen, dass sowohl in der AG Männer als auch in der AG Frauen (und auch Gender und AG2) teilweise dieselben Personen aktiv sind, was ja irgendwie auch schon wieder etwas queer Anmutendes hat. – Die Konsequenz daraus ist jedoch, dass es tatsächlich bislang keinen autonomen Frauenzusammenhang gibt.

Dabei wäre das doch gar kein Problem: Hier könnte die Partei, die vorne und rational sein will, doch aus den Erfahrungen der Frauenbewegungen lernen und das sich ergänzende Nebeneinander von autonomenen Frauenzusammenhängen und gemischgeschlechtlichen Gendergruppen zulassen und fördern. Stattdessen hält sich die Partei für post everything und daher auch für postgender. Daher muss niemand angeben beim Parteieintritt wes Geschlecht er_sie ist. Die Bezeichnung für alle ist dann allerdings Pirat, andere Geschlechtlichkeiten werden in der Sprache bereits verdrängt. Daher ist es auch in Wirklichkeit nicht so, dass niemand sein Geschlecht nicht angeben muss und alle darüber hinweg seien. – Vielmehr ist es so, dass Nichtmännern (nicht männlich, nicht heterosexuell, nicht weiß) nicht die Chance gegeben wird, sich zu erkennen zu geben. Die anderen Geschlechtichkeiten in der Piratenpartei bleiben so unsichtbar.

Lena Simon geschieht nun das, was Frauenrechtler_innen überall und jedenorts passiert ist: Ihr schlägt blanker Hass entgegen. Frauen werfen ihr vor, die innerparteiliche Frauenfrage um Jahre zurückgeworfen zu haben. Bündische Männer fühlen sich verdrängt und angegriffen. Ihr wird Machtstreben, Egomanismus und Selbstsüchtigkeit, Mediengeilheit sowieso vorgeworfen. Allein, neu ist das Phänomen nicht: Olympe de Gouges, Christabel Pankhurst, Clara Zetkin und Alice Schwarzer hätten ein Lied davon singen können. Lena Simon spielt sicherlich nicht in deren Liga, ihr kann aber aus dieser Erfahrung heraus nur ein langer Atem gewünscht werden. Sie wird den Geschlechterdiskurs in der Partei auch nicht allein umdrehen können. Aber sie hat einer wichtigen Debatte das Fundament nun inneralb der Organisation gelegt. Die Pirat_innen können sich nicht mehr dagegen wehren.

Der Konflikt schlägt übrigens solche Wellen, dass selbst im Ausland davon berichtet wird: Geekfeminism berichtet. Ach ja, die Debatte innerhalb der Pirat_innen-Community wird derzeit von Yvi zusammengefasst:

We don‘t need to talk about gender equality in our party because we already have gender equality! Every woman who says otherwise is an evil bitch! The evil feminists are trying to exclude the poor men! Also, we don‘t need gender statistics in our party because we don‘t need to care – see above re: gender equality.
(zu deutsch: „Wir brauchen keine Debatte über Geschlechtergerechtigkeit in unserer Partei, weil wir längst Geschlechtergerechtigkeit haben! Jede Frau, die etwas anderes behauptet, ist eine üble Schlampe! Die bösen Feminist_innen versuchen Frauen Männer auszuschließen! Auch brauchen wir keine geschlechtsspezifischen Statistiken in unserer Partei, weil wir uns nicht darum scheren müssen – siehe oben re: Geschlechtergerechtigkeit.“)

Außerdem berichten nebst vielen anderen Gulli, Mädchenmannschaft und taz. FoeBud haben übrigens zur Debatte einen alten Text von Rena Tangens ausgegraben: Androzentrismus und Netze; der Text ist mal wieder hoch aktuell.

Da lässt sich nur offen, dass süffisanter Druck von außen wie auch schon in der Bodo-Thiesen-Affäre die Partei ins Grübeln bringt. Blogt was das Zeug hält, verschiebt den Diskurs!

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0


9 Antworten auf „Wer gendert, wird klar gemacht“


  1. 1 Irene 05. März 2010 um 20:32 Uhr

    A propos alte Texte zum Thema ausgraben:
    http://valid.de/alt/texte/enter_at_gender.html

  2. 2 NetReaper 05. März 2010 um 21:07 Uhr

    Sogar wenn er weiblich ist: ein Troll ist und bleibt ein Troll. Da gibt es nichts zu deuteln. Es ist schlicht dumm, wenn Minderheiten anfangen Mehrheiten auszugrenzen. Genau so wie es dumm ist, wenn Mehrheiten die Minderheiten ausgrenzen. Darin besteht kein qualitativer Unterschied.

    Schade. Eigentlich dachte ich, wir hätten dieses Geschlechter-Getrolle überwunden. Es ist noch nicht ganz der Fall, aber die Debatte zeigt auf jeden Fall eines:
    Den meisten Leuten ist das Geschlecht eines PIRATEN ganz egal. Und daher ist die Piratenpartei den anderen Parteien Jahre wenn nicht sogar Jahrzehnte voraus.
    Womit aber die meisten Piraten ein Problem haben: wenn bestimmte Leute innerparteiliche Exklusivnetze bilden, und alle anderen Leute ausgrenzen.

  3. 3 gnurpsnewoel 05. März 2010 um 21:22 Uhr

    @NetReaper: Die Intention kaufe ich ab! Aber ihr vergesst dabei, dass ihr auf eine gendered society trefft, die eben nicht so weit ist, dass Geschlecht als soziale Kategorie nicht mehr differenziert. Und deswegen knallt es in der PP ja gerade auch so dermaßen. Wo wir uns einig sind: das Ziel, Geschlechtergrenzen zu überwinden.

  4. 4 Siegfried 06. März 2010 um 13:56 Uhr

    Kleine Korrektur: Die bösen Feministinnen schließen nicht die armen Frauen, sondern die armen Männer aus :)

    Ansonsten: „Evil Bitch“ ist in diesem Zusammenhang fehl am Platze. Es macht nun mal einen Unterschied, ob man Geschlechter-Gleichberechtigung praktiziert (und notfalls nachdrücllich durchsetzt), oder ob man vorhandene Probleme in der Gleichberechtigung negiert und/oder ignoriert.

    Nehmen wir mal eine AG Gender-Defizite an. Dann ist die Existenz einer solchen Gruppe ein Hinweis darauf, dass die vorhandenen Probleme eben nicht ignoriert werden. Dass in dieser Gruppe Männer und Frauen sind, ist wiederum praktizierte Geschlechter-Gleichberechtigung. Ein Ausschluss eines Geschlechts aus dieser politischen Arbeit ist hingegen praktizierte Zementierung von Geschlechter-Benachteiligung (wer auch immer hier wie benachteiligt sein sollte).

  5. 5 Isquierda 14. März 2010 um 16:13 Uhr

    Toller Beitrag!

  6. 6 gnurpsnewoel 14. März 2010 um 18:57 Uhr

    @Siegfried: Danke für den Übersetzungshinweis! Hab es korrigiert!

  7. 7 gnurpsnewoel 14. März 2010 um 19:08 Uhr

    Wer weiter schmökern möchte:@Isquierda hat selbst einen Beitrag zum Thema gepostet und via @Isquierda habe ich einen Beitrag von Patrick gefunden.

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