Glitzerbuntschön.

::: Dieses Blogpost beschreibt sexualisierte und emotionale Gewalterfahrung(en).

::: Der Text erschien schonmal kurz gestern und ich haben ihn heute ohne inhaltliche Änderung neu gepostet.

Vor ein paar Tagen wurde ich auf der Straße geschlagen, weil ich mich gegen Sexismus geäußert habe. Jetzt frage ich mich, ob es auch passiert wäre, hätte ich statt zum Rock zur Hose gegriffen.
Mir wurde ins Gesicht geschlagen. Abends und mein Auge und meine Augenbraue sind noch leicht angeschwollen. In ein paar Tagen, wird der Bluterguss verheilt sein, der Schmerz bleibt. Er war einer von den Sexist_innen (meist: Sexisten), die ihre Gewalt auf der Straße ausüben, in den Wohnzimmern, in der U-Bahn. Er war einer von denen, wegen denen es jetzt den #Aufschrei gibt. Wir hatten uns vorher nie gesehen, trafen uns zufällig. Er kam meiner Begleitung und mir entgegen und ging nicht mehr aus dem Weg, mackerte uns auf sexualisierte Weise an. Der Aufforderung, das zu unterlassen, kam er nicht nach, dabei waren wir entschieden und deutlich. Er wurde auch körperlich aggressiv, schlug zu, trat zu, nahm und haute ab.

Der Rock in mir und der Rock an mir

Auch wenn viele behaupten, in meinem Kiez sei es besonders schlimm, hatte ich nie ein Problem, vielleicht Glück gehabt. Ich trug wohl die richtige Kleidung, die manchmal mir die falsche war: Hosen. Seit einem knappen dreiviertel Jahr ist das anders. Wenn ich Jeansrock trage, fühle ich mich freier, bin ich mehr ich. Es steht mir. Endlich. Blicke machen mir wenig aus, ich kenne sie schon seit Jahren. Manchmal tun sie weh, wenn sie sich abwenden. Ich weiß nicht, ob das Kichern und Tuscheln über mich geht, es scheint mir von Zeit zu Zeit so. Das Angepöbeltwerden empfinde ich als Bedrohung. „Du bist pervers“, sagte der Cis-Sexist zu mir, weil er es konnte, „die Bilder von dir gehen mir nicht mehr aus dem Kopf.“ – „Trag’ auch Highheels, Transe“, rief mir die Cis-Sexistin zu.
Vor ein paar Tagen war ich nun lediglich eingeschritten, ich hatte eine sexistische Handlung als nicht akzeptabel bezeichnet, wurde deswegen ins Gesicht geschlagen. Und ich bin sicher, dass es nicht passiert wäre, wäre ich geschlechtlich normativ gekleidet gewesen. Vielleicht wären wir als „zwei normative Menschen zu zweit auf der Straße“ wahrgenommen worden, cis- und heterosexistische Kackscheiße dann mit Fehlanzeige, wenn auch dasselbe Programm. Vielleicht hätte der Angreifer mich respektiert, mich, einen* vermeintlich ihm Gleichen*, er wäre einfach stehen geblieben. Ich will nicht so von ihm angesehen werden, weil da nichts Gleiches ist. Und eigentlich kann die individuelle Kleidung anderen ja egal sein. Aber menschlicher Respekt mir gegenüber ist weg, wenn die cis-richtige Kleidung weg ist. Der cis-falsche Look ist eine herzliche Einladung für psychische und physische Gewaltausübung, gegen mich und diejenigen, die mit mir unterwegs sind. Meine Welt ist glitzerbuntschön und sie ist ein Gesundheitsrisiko.
Diese Welt, in der ich mir diese Fragen stelle, ist scheiße. Dass ich mir diese Fragen stelle, ist scheiße. Dass ich bei mir eine Schuld suche, ist scheiße. Nein, ich bin an nichts schuld, ich weiß das auch. Nein, meine Erfahrungen sind nicht nur mir geschehen, sie sind tausendmal passiert, ich bin nicht allein. Noch viel mehr als tausend sind nicht mit einem blassblauen Auge davon gekommen. Aber ich stelle mir diese Fragen trotzdem, vielleicht weil mir diese Fragen gestellt werden, von irgendswo da draußen. Oder weil ich den Eindruck habe, sie beantworten zu müssen.

Was dieser Text nicht kann

Übrigens, nur weil dieser Text vor allem eine persönliche Sicht der Dinge schildert, ist diese Sicht nicht vereinzelt, noch ist sie verallgemeinernd: Dieser Text behauptet nämlich nicht, dass hier derselbe Sexismus vorherrscht, von dem Frauen* betroffen sind, wie ihn der #Aufschrei zigtausendmal zeigte (und der ja auch nicht in sich geschlossen derselbe ist). Aber es ist Sexismus, dem sich nicht entzogen werden kann, auch wenn Mann*-zu-?-Gender sicherlich nicht dieselben Diskriminierungserfahrungen mach(t)en wie Heterafrauen. (Mann*-zu-?-Gendern kann mit dem Ablegen der eigenen Persönlichkeit zunächst sogar die Priviligierung von Männern* zuteil werden, was ein Widerspruch in sich ist. Denn diese „Teilhabe“ setzt cis-hetero-affirmative Selbstverleugnung voraus – ebenso eine Diskriminierungserfahrung.) Dasselbe Patriarchat setzt also nicht dieselbe Diskriminierungserfahrung damit voraus. Ebenso wenig vergleichbar ist die geschilderte Erfahrung mit der Ich-gucke-mir-das-erschüttert-von-außen-an-Betroffenheit von Männern*, wie sie in den letzten Tagen im #Aufschrei auftrat, die weder mit der einen Sache, noch mit der anderen etwas zu tun hat. Von noch einer Sache handelt dieser Text nicht: von der Sicht meiner Begleitung auf unser gemeinsames Erlebnis, das sicherlich unterschiedlich wahrgenommen wurde, weil ich nicht für die Person spreche(n kann und will). Es geht auch nicht um Antworten, nicht um andere. Es geht um mich und meine Fragen.

Die Angst bleibt

Und nein, ich will und werde mich nicht den Blicken, Worten und Schlägen beugen und möchte, was mich ausdrückt, tragen. Aber die Angst bleibt, dass es wieder geschieht. Ich will bloß frei sein.


5 Antworten auf „Glitzerbuntschön.“


  1. 1 gnurpsnewoel 30. Januar 2013 um 23:37 Uhr

    Folgender Kommentar ging beim ersten (gelöschten) Posting dieses Texts ein, ich hab es mal hierhin kopiert:

    Zweisatz

    29.01.2013 19:58
    Was für eine Scheiße. Ich hoffe, dass es nie wieder passiert…

  2. 2 that guy 30. Januar 2013 um 23:42 Uhr

    guter und wichtiger post! danke fürs teilen :) rock on!

  3. 3 Sebastian Finsel 31. Januar 2013 um 8:17 Uhr

    Ich finde das ziemlich krass – obwohl es eben leider (viel zu) oft passiert.
    Der #aufschrei kommt eben eigentlich nicht „zur rechten Zeit“, er kommt viel zu spät.
    Eine Welt, in der Menschen wegen solcher Sachen Gewalt fürchten müssen ist so nicht hinnehmbar und bedarf der dringenden Änderung!

  4. 4 Zweisatz 03. Februar 2013 um 16:19 Uhr

    @Sebastian

    ? Betroffene von verschiedensten Formen der Diskriminierung schreiben sich die Finger wund seit es das Internet gibt und kämpfen schon viel länger um ihre Rechte. Das Zuhören ist zu spät und zu wenig, nicht das Schreien.

  1. 1 Mädchenmannschaft » Blog Archive » #aufschrei-Talkshows und Femen-Fails – die Blogschau Pingback am 03. Februar 2013 um 14:38 Uhr

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