Inge Höger bei Dr. Seltsam: „Wir waren darauf vorbereitet“

Der Kabarettist Wolfgang Kröske aka Dr. Seltsam hatte am Sonntag, den 6. Juni 2010, zu Dr. Seltsams Wochenschau geladen, einer etwa wöchentlichen Informationsveranstaltung. Gast der Veranstaltung war diesmal Inge Höger, MdB der Linksfraktion und Mitglied im Verteidigungsausschuss (Dr. Seltsam: „Das passt ja gut!”), die eine Woche zuvor von dem Versuch zurückgekehrt war, mit einer Free-Gaza-Flotte von sechs Schiffen die Gaza-Seeblockade zu durchbrechen und Hilfsgüter nach Gaza zu liefern. Die Aktion „Free Gaza” wurde unter anderem von der radikalislamischen IHH organisiert. Auf den Schiffen befanden sich auch gewaltbereite Israelhasser_innen, die israelische Waffen entwendeten und mit Eisenstangen auf israelische Soldaten losgingen. Die israelische Armee hatte die Schiffe nach Ankündigung übernommen; es kam auf dem Schiff zu bewaffneten Auseinandersetzungen, bei denen die israelische Armee von pro-palästinensischenn Aktivisten mit Waffen angegriffen wurde, bei denen es auch mindestens neun tote Aktivisten gab. Inge Höger wurde nach Deutschland abgeschoben, was sie selbst als Deportation bezeichnete.

In Dr. Seltsams Wochenschau legte sie zunächst dar, an der Free-Gaza-Aktion teilgenommen zu haben, weil „wir dringend nötige Hilfsgüter nach Gaza bringen wollten”, unter anderem „Zement”. Die Einfuhr dieses Baustoffes ist derzeit illegal. Das Ziel der Aktion sei das Recht auf einen eigenständigen palästinensischen Staat gewesen. Auf dem Hauptschiff hätten sich 600 Menschen „aus reiner Solidarität mit Gaza” befunden. Die radikalislamische IHH bezeichnete sie als „türkische Hilfsorganisation”, die mit dem Free-Gaza-Movement schon seit Längerem zusammenarbeite. Sie selbst habe die Organisation zuvor nicht gekannt und sich mit ihr nicht beschäftigt, andere Free-Gaza-Gruppen hätten dies aber überprüft.

„Wir waren darauf vorbereitet, dass sich die israelische Armee uns in den Weg stellen würde.” Bereits einen Tag bevor die israelische Armee die Schiffe übernommen hatten, sei dies an Bord bekannt gewesen. „Es hat eine Warnung gegeben.” Es sei daher empfohlen worden, „in Klamotten zu schlafen”. Außerdem habe es eine Rettungsübung mit Schwimmwesten gegeben. Trotz dessen sagte Höger, dass an Bord nicht bekannt gewesen sei, „womit wir rechnen mussten”. Es sei jedoch damit zu rechnen gewesen, „dass wir im Morgengrauen angegriffen würden”. Mit den Geschehnissen an Deck habe sie jedoch nicht gerechnet. Ähh, ja.

Sie bestätigte, dass es an Bord nachts eine Geschlechtertrennung gegeben habe, die Schlafräume also in ein Männer- und ein Frauendeck getrennt waren. „Dies entspricht nicht unserem Verständnis”, so Höger, jedoch hätte sich auch viele islamisch gläubige Frauen an Bord befunden. Tags hätte vollständige Bewegungsfreiheit geherrscht. Sie ist der Auffassung, dass „wir Frauen zu unserem Schutz eingeschlossen wurden”, sagte sie zu der Freiheitsberaubung durch Mitreisende. Es habe die Ansage gegeben, dass die an Bord anwesenden Frauen keinen Widerstand leisten sollten. Sie sagte auch, dass sich an Bord wohl auch Frauen befunden hätten, als die Kämpfe begannen (dies widerspricht allerdings ihren anderen Darstellungen; Anm. d. Autor_in).

Inge Höger behauptete, Israel befände sich nicht im Krieg. „Ich streite das Recht Israel ab, die Schiffe anzugreifen. Ich habe das als kriegerischen Überfall empfunden.” Auf Nachfrage wiederholte sie, mensch könne nicht sagen, „dass Israel sich im Krieg befindet”. In der Diskussion bestätigte sie die These eines Zuschauers, dass „ alles was auf der Welt passiert” unter Führung der USA geschehe. Höger: „Ich würde das immer in Verbindung sehen. Es passiert nichts ohne den Schutz der USA.” Der Veranstaltungsmusiker Detlef K. Kritisierte die Aktion: „Das war eine Provokation. Die Güter hätten auf dem Landweg nach Gaza gebracht werden können.” Der Moderator Wolfgang Kröske spielte den Ball zurück: Laut Kröske entsprächen die Essensrationen in Gaza den Berechnungen deutscher KZ-Ärzten für Gefangene. Die Übernahme der Schiffe sei ein „Hungeranschlag”. Dies sei die „Rache der Enkelkinder an den Deutschen, die ihre Eltern in KZs verloren” durch „wild gewordene Soldaten”. Es handele sich um eine Kriegserklärung an die Türkei. Die Palästinapolitik Israels bezeichnete er als faschistisch. Kröske bediente somit nahezu alle antisemitischen Ressentiments, die möglich gewesen wären. Es war widerlich. Höger bestritt zudem, dass sich Vertreter der Grauen Wölfe und Milli Görüs an Bord befunden hätten. Tatsächlich waren jedoch Eyüp Gökhan Özekin, Muhittin Açıcı und Saadet Partisi u.v.a. dabei.

Inge Höger kündigte an, gemeinsam mit Annette Groth, MdB und Linksfraktion, die ebenfalls an Bord war, Klage einreichen werde: Die Bundesanwaltschaft solle gegen Israel wegen Völkerrechtsbruch ermitteln. „Wir werden im Bundestag den Antrag einbringen, dass die Bundesregierung sich dafür einsetzen möge, die Blockade Gazas zu beenden.” Außerdem werde sie den Antrag einbringen, dass keine deutsche Waffen mehr an Israel geliefert würden. Wahrscheinlich wird sie mit allem drei keinen Erfolg haben.

Dr. Seltsams Wochenschau war an diesem Sonntag vor allem ein antisemitisches Sammelsurium. Die vielen Widersprüche, in die sich Höger verwickelte, machen ihre Darstellungen wenig glaubhaft.

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0


2 Antworten auf „Inge Höger bei Dr. Seltsam: „Wir waren darauf vorbereitet““


  1. 1 wereatheist 07. Juni 2010 um 17:11 Uhr

    Sie (Inge H.) braucht nicht die (nichtzuständige) Bundesanwaltschaft zu behelligen. Wozu gibts den Internationalen Seegerichtshof?
    Die Frau war während der „spannenden“ Ereignisse im Schiffsbauch eingesperrt, hat aber trotzdem ne stramme Meinung über besagte Ereignisse -> oy vey.
    Bin kein Militärfan (war mal Zivi), aber hätte in Inges Schuhen mit „Entern“ o.ä. gerechnet – und ne Verhaltensregel für den Fall erwartet; vielleicht sollte wer dem Mitglied des Verteidigungsausschusses des Deuschen Bunztags mal die Idee „Know The Enemy“ nahelegen. Dürfte aber schwierig werden.

  2. 2 gnurpsnewoel 14. Juni 2010 um 12:18 Uhr

    Die Links funktionieren jetzt wieder! Danke für den Hinweis.

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