Archiv für Februar 2010

Leser_innenbrief an die Mädchenmannschaft

Liebe Meredith,

mit viel Interesse und Entsetzen habe ich deinen Beitrag auf maedchenmannschaft.denet über die junge türkische Frau, die von ihrer Familie im ostanatolischen Kahta lebendig begraben wurde, gelesen. Grund für den Mord: die 16-jährige soll mit Jungen gesprochen haben. Ihre Leiche wurde gefesselt und in sitzender Position eingebuddelt im Garten der Familie gefunden. Der „Familienrat“ soll die Exekution beschlossen haben. Der Großvater und der Vater wurden nach einem Hinweis aus der Bevölkerung inhaftiert. Sollten sie verurteilt werden, droht ihnen lebenslange Haft. Die Mutter wurde jedoch nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Süddeutsche Zeitung und The Guardian berichteten.

Dieser Mord an einer jungen Frau, die sich über die familiären Normen hinwegsetzte, ist menschenfeindlichlich, sexistisch, diskriminierend und antiemanzipatorisch zugleich. Ich glaube, dass wir uns da einig sind. Auch einig sind wir uns, dass dies kein Einzelfall ist, sondern ähnliche Fälle in dieser Region mehrmals pro Woche geschehen. Ich kann daher auch deine Fassungslosigkeit verstehen, deinen Ärger. Was ich jedoch nicht verstehen kann, ist, dass du dich deswegen fragst,

ob man eine ganze Region in Massentherapie schicken kann, ob Bildung, Aufklärung oder sonst irgendwelche Veränderungen der Rahmenbedingungen hier überhaupt etwas ändern können.

Erstens negierst du damit, dass es auch in Anatolien emanzipatorische Teile der Gesellschaft gibt, z.B. die Frauen(selbst)hilfegruppe VAKAD. Diese geht übrigens einem Bericht von Stop Honour Killings zufolge davon aus, dass Frauen und Mädchen in Ostanatolien heutzutage mehr Rechte haben und dass Polizei und Gerichte sich immer häufiger mit dem Themenkomplex „Gewalt gegen Frauen“ befassen (müssen). Darauf weist du ja selbst hin:

Gesetze tun es ja offenbar nicht, denn immerhin sind so genannte Ehrenmorde in der Türkei ja mittlerweile strafbar.

Damit hast du nicht ganz unrecht: Denn ein Gesetz, dass in der Bevölkerung nicht akzeptiert wird, ist ein wirkungsloses Gesetz. Gleichzeitig wird es wohl kaum ein Gesetz auf der Erde geben, dass nie angewandt wird: So ist in allen (mir bekannten) Ländern Mord verboten, trotzdem gibt es weltweit jährlich neue Ermordete. Dies ist jedoch kein Anlass, die gesamte Bevölkerung eines Landes oder Landstriches unter Generalverdacht zu stellen. Genau das tust du leider. Und du gehst noch einen Schritt weiter: Du wirfst die Frage auf, ob die Bevölkerung in der Osttürkei überhaupt in der Lage ist, zu lernen, sich zu bilden oder humanistische Maßstäbe zu akzeptieren. Das ist leider eine rassistische, kleinbürgerliche These, die davon ausgeht, dass das per se nicht möglich ist (und sich von deinen sonstigen Beiträgen auch qualitativ unterscheidet). Leben denn in der Türkei keine Menschen? Sind die Bewohner_innen dieses Landes (im Gegensatz zu anderen) nicht zur Vernunft befähigt? Gibt es keine Möglichkeit, dass sich Menschen dort emanzipieren? Warum nicht? – An deren Genen wird es ja sicherlich nicht liegen. (Diese Behauptung unterstelle ich dir nicht!) Vielleicht aber an der dortigen Kultur? Eine solche These, dass Menschen, die nicht in der westlichen Welt leben, alles Barbaren sind, halte ich jedoch für grundfalsch. Du übrigens auch.

Noch eine Frage: Glaubst du daran, dass Sexismus und Patriarchat therapierbar (Ich meine nicht „überwindbar“, sondern frage nach „therapierbar“.) sind?

Wie gesagt, ich finde es schlimm, was regelmäßig in vielen Teilen der Welt passiert: Mord an Frauen und Mädchen wegen der vermeintlichen Familien- oder Machoehre. Ich glaube aber weiterhin daran, dass Aufklärung, Bildung und die Stärkung emanzipatorischer Gruppen vor Ort möglich sind und auch der richtige Weg! Ich werde maedchenmannschaft.denet, ein übrigens herausragend gutes feministisches Blog, natürlich auch weiterhin lesen, genauso wie deine sonst recht differenzierten Beiträge!

Feministisch-emanzipatorische Grüße
Gnurpsnewoel

P.S.: Ich werfe Meredith nicht vor, grundsätzlich eine Rassistin zu sein, sondern den Inhalt dieses einen Absatzes. (Um mal gleich vorzubeugen…)

Update (6. Februar 2010): Meredith hat in einem Comment auf maedchenmannschaft.net nicht nur mir geantwortet. Ich finde das zwar nicht zufriedenstellend, aber immerhin… Es gibt von heidrun und mir auch eine Antwort.

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0

10 Tage Firefox 3.6 – leider ohne TOR

Ich habe mir vor zehn Tagen den neuen Browser Firefox 3.6 von Mozilla heruntergeladen und installiert. Vorher habe ich Firefox 3.5.x genutzt. Ich neige dazu, immer die neuste stabile Version eines Programms haben zu wollen. Firefox 3.6 bringt auch einige vorteilhafte Neuerungen mit sich.

Neue Tabs öffnen sich (endlich!) nun immer neben dem aktuellen, nicht erst am Ende der Tableiste. Für gestandene Firefoxuser_innen bedarf das zwar einiger Umgewöhnzeit, aber ganz ehrlich: Das erleichtert es wirklich zu browsen und erhöht die Usability. Ogg/Theora-Videos können im Vollbildmodus angezeigt werden. Die augescheinlichste Neuerung sind die so genannten ‚Personas“, die eigentlich vereinfachte Themes sind und die Programmoberfläche individualisieren. Bei Personas handelt es sich also um ein hübsches Spielzeug, da hört es aber auch wieder auf. Und letzendlich werden sie auch wieder über die Themes verwaltet.

Außerdem wurde die Surfsicherheit erhöht: Der Private Modus, eine globale Sicherheitseinstellung, die weniger Surfspuren auf dem Rechner hinterlässt, entfernt nun auch Temporäre Dateien. Andere Programme sollen ihre Symbolleisten nicht mehr so einfach einfach in Firefox ergänzen können. Ich hoffe mal, das dadurch auch der halbjährlicher Terror der plötzlich ergänzten Ask-Suchleiste vorbei ist. Verändert wurden die Java-Einstellungen: Java kann nicht mehr in den Einstellungen aktiviert werden. Java ist jetzt ein Add-on und wird über die Add-ons verwaltet. Dort wird Java dann wie jedes andere Add-on auch akktiviert oder deaktiviert. Ich finde das enorm unübersichtlich, da einzelne Java-Updates jetzt den überwiegenden Teil meiner Add-ons ausmachen.

Was natürlich nicht funktioniert, sind einige Add-ons, was bei größeren Updates immer passiert, da sie mit der höheren Version dann nicht mehr kompatibel sind. Das ist zwar jedes Mal ärgerlich, weil mensch sich dann von erlernten Surfgewohnheiten wieder trennen muss. Erfreulich ist daher, das Sicherheit erhöhende Add-ons wie NoScript und das Werbeblocktool AdBlock Plus funktionieren und hilfreiche Add-ons wie der URL-Shortlink-Service is.gd Creator, das Webarchivtool UnMHT oder Youtube to MP3 weiterhin funktionieren. Was jedoch nicht funktioniert, ist die Tor-proxy.NET Toolbar von Benjamin Siggel, eine weitere Navigationsleiste, mit der anonymisiert über das Tor-Netzwerk oder über JonDos/JAP gesurft werden kann. Sie ist nicht kompatibel mit Firefox 3.6. Die vermeintliche Alternative Tor Button kann ich nicht weiterempfehlen. Das Tool führt bei vielen zu Problemen. Ich kann das nur bestätigen. Tor Button hat bei mir ein Problem mit dem Proxy und öffnet alle Seiten im Ladefehler-Modus. Das macht nur wenig Spaß. Firefox 3.6 erhöht also die Usability leicht und schließt einige kleine Sicherheitslücken. Aber anonymisiertes Surfen ist mit dem neuen Firefox (noch) nicht möglich. Dies ist natürlich nicht die Schuld von Mozilla, sondern liegt am inkompatiblen Add-on. Ich werde also warten, bis Tor-proxy.NET upgedatet wird.

Benjamin, bitte besser nach!

Update (05. Februar 2010): Was auch nicht besonders gut funktioniert, sind übrigens Formulare. Häufig wird beim Posten der Formulare der Inhalt geleert. Dies hat bei mir bei Wikipedia auch schon dazu geführt, dass ich einen Artikel versehentlich gelöscht habe. Es genügt bei diesem Fehler jedoch, auf den Zurück-Button zu klicken und erneut zu posten. Dann geht’s, aber es ist echt nervig.

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0