Archiv für Oktober 2009

StudiVZ: Twitter-Account ist ein „versteckter“ Datensatz

Eine Kleinigkeit, die mir zur Vz-Gruppe aufgefallen ist:

Wenn mensch einen Twitter-Account mit StudiVz verknüpft (Tweets sind dann ja gleich Statusnachrichten), gibt es einen Nebeneffekt:

  • Auf der Profilseite erscheint unter Informationen > Kontakt zuerst einmal nichts. (gut so)

  • Hat man jedoch mindestens ein Kontakt-Datum angegeben (Ort, PLZ o.a.) wird der Twitter-Name mit ausgegeben.

  • Unter Meine Seite bearbeiten > Kontakt wird der Name jedoch nicht angezeigt (siehe rechts) und kann auch nicht gelöscht werden.
    Es ist also nur möglich, den eigenen Twitter-Account im Vz-Profil zu verbergen, wenn mensch ansonsten keine weiteren Kontaktdaten angibt. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass diese „gelöschten“ Daten trotzdem im Vz erhalten bleiben.

Hier besteht also ein weiterer Datensatz, der vermutlich auch auslesbar ist… Das heißt, dass es auch möglich sein müsste, Twitter-Accounts und VZ-Profile in Datensätzen miteinander zu verknüpfen. (Irgendwie logisch&selbst schuld, aber warum kann man das nicht verhindern?)

Dies passiert bei Studivz, nicht aber bei SchülerVz. (Bei MeinVz habe ich keinen Account.)

Neue DENiC-Adressvergabe von rechts umkämpft?

Die DENiC, die zentrale Registrierungsstelle für Domains unterhalb der Top-Level-Domain „.de“, hat die Vergabe von Kurzdomains, also Domains mit weniger als drei Buchstaben heute morgen um neun begonnen. Bereits morgens um halb elf waren 10.000 Domains vergeben, wie heise um halb zwölf berichtete.

Auch Rechtsradikale scheinen sich darum zu reißen, wie heise anmerkt:

Auch die Vergabe von Adressen wie kz.de und ss.de (beide sind bereits registriert) dürfte zumindest noch für öffentliche Aufregung sorgen.

Dies sind bei weitem nicht die einzigen dieser Sorte. Außerdem vergeben sind hj.de (Hitlerjugend), ns.de (Nationalsozialismus / nationaler Sozialismus), sa.de (SA), sd.de (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS), 18.de (18 steht für den ersten und achten Buchstaben des Alfabets: AH – Adolf Hitler), www.28.de (28 steht nach dem gleichen Prinzip für BH – Blood&Honour, eine verbotene Kameradschaft) und 88.de (88 steht für HH – Heil Hitler) sowie einige weitere, bei denen ein Nazikürzel vermutet werden kann wie bei 74.de (Groß-Deutschland).

Weitere Zahlencodes hat Netz gegen Nazis entschlüsselt.

Es ist natürlich nicht gesagt, dass es sich hierbei um Reservierungen von Nazis handelt. So könnte kz.de von der kasachischen Botschaft (Die Top-Level-Domain Kasachstans ist .kz.) beansprucht werden und 18.de bald auf einen Partyservice für Volljährige hinweisen.

Hinweise sind herzlich willkommen!

Die Bündnisfähigkeit der Digital-Rights-Bewegung

Viel von sich reden macht in den letzten Wochen die neue Bürger_innenbewegung, die für digitale Freiheitsrechte eintritt und einen Umschwung in der politischen Kultur. Zahlreiche Demonstrationen und Medienkampagnen haben bewiesen, wieviel sie bewegen können. Eines ihrer Sprachrohre, die Piratenpartei, stieg im vergangenen Halbjahr zur siebtgrößten deutschen Partei auf. Sie treten für durchaus auch progressive Forderungen ein, auch wenn sie nicht per se aus der politischen Linken stammen. Doch kann die Digital-Rights-Bewegung für linke Gruppierungen in Zukunft eine ernstzunehmende Bündnispartnerin werden? Diese Frage ist deswegen so wichtig, weil die politische Linke ein mehrhaftsfähiges Bündnis braucht, um ihre Forderungen durchzusetzen. Ein Debattenaufschlag mit Pro und Contra.

PRO

Die digitale Bürger_innenbewegung hat ein hohes Mobiliserungspotenzial. Nach eigenen, wohl leicht überhöhten Schätzungen, sind derzeit rund 500 000 Menschen Teil der digitalen Bürger_innen-Bewegeung Zur Freiheit-statt-Angst-Demonstration im September 2009 kamen Veranstalter_innen 25 000 Menschen. Der gesellschaftlichen Linken war zuletzt 2007 in Rostock eine größere Demo gelungen, ansonsten müssen Demonstrationen mit 2 000 Protestierenden bereits als großer Erfolg gefeiert werden. An eine dermaßen starke Bewegung Anschluss zu finden muss das Ziel linksemanzipatorischer Praxis sein. Denn nur durch die Mitarbeit in Bündnissen mit anderen Teilen der Bewegung kann zum Erfolg führen – und zur Verbreitung eigener Ideen und Utopien. Außerdem ist eine Zusammenarbeit schon längst nichts Neues mehr: Die Spaltergruppe um Cristof Remmert-Fontes und die so genannte Aktion Freiheit statt Angst hatte nicht nur zur Freiheit-statt-Angst-Demo in Berlin mobilisiert, sondern zuvor schon im Berliner Megaspree-Bündnis im Kampf um Freiräume mitgearbeitet.

Die digitale Bürger_innenbewegung verfolgt ein durchaus emanzipatorisches Projekt. Wenn es nach ihr geht, sollen allen Lebensbereiche demokratisiert werden; (Wert-)Konservativismus wird abgelehnt. Ihre Vertreter_innen stehen für individuelle Freiheitsrechte und das Recht auf Anonymität ein. Daher bekämpfen sie jegliche Überwachungsstaat-Fantasien, staatliche Repression und üben Kritik am Staat. Gleichzeitig sind sie gegen jede Zensur. Auch fordern sie, dass sich Kapitalist_innen einschränken sollen: Sie lehnen Patente ab, wollen Open-Source-Projekte fördern und setzen sich für freie und nicht-kommerzielle Lizenzen anstelle von Kommerz ein. Kulturgüter sollen vergesellschaftet werden, Wissen und Informationen frei zugänglich werden. Sie sollen unkommerziell vervielfältigt werden. Das Filesharing ist dabei die digitale Form des gemeinschaftlichen Verfügens über Güter. Sie fordern die Entkriminaliserung von Hacker_innen und Raubkopierer_innen.
Die digitale Bürger_innenbewegung isgt enorm medienaffin. Das hat sie bei der Online-Petition gegen das Zensursula-Gesetz bewiesen, ebenso bei der schnellen, medienwirksamen und erfolgreichen Kritik an den brutalen Polizeiübergriffen auf der Freiheit-statt-Angst-Demo. Wer hieran Kritik übt, beneidet sie darum: Denn nach den seltensten Antifademos gelingt es, derart erforgreich, Polizeiübergriffe zu thematisieren. Die Linke kann viel von ihnen lernen, gleichzeitig kann eine vermehrte Zusammenarbeit nur dazu führen, dass staatliche Repression erfolgreich dokumentiert wird. Die Bürgerbewegung toleriert unkonventionelle Politikstrategien, die auch Gesetzesbruch erlauben. Hier bestehen Gemeinsamkeiten mit linksradikalen Praxen. Favorisiert werden Hacking, Raubkopien, Urheberrechtsbrüche, Anleitungen zum Bau von Geräten, die Überwachungsmethoden zunichte machen sollen, zum Beispiel RFID-Zapper.

Die emanzipatorische Linke sollte daher mit den Digitalrechtler_innen zusammenarbeiten und für gemeinsame Ziele gemeinsam kämpfen. Es gibt keinen Grund, warum die Linke nicht mit großen und starken Bündnispartner_innen zusammenarbeiten sollte. Denn das Ziel muss sein, eine gesellschaftliche Hegemonie für ein emanzipatorisches Projekt zu erreichen. Der Pluralismus der digitalen bürger_innenbewegten ist stark ausgeprägt. Daher wird es auch wenig bis keine Berphrungsängste mit linksradikalen Gruppen geben. Ihr Pluralismus gilt, wie es in den letzten Wochen scheint, auch gegenüber rechtem Gedankengut. Doch noch ist nichts verloren: Eine linksemanzipatorische Intervention in die neue Bewegung kann sie gegen Faschos impfen und für ein linkes Projekt gewinnen. Das liegt auch daran, dass die Bürger_innenbewegung wie auch ihr politischer Arm Piratenpartei in vielen anderen Themenbereichen inhaltlich nicht festgelegt ist. Hier kann die Linke nur Anschluss finden. Es wird dass die digitale Massenbewegung ein linke Massenbewegung wird.

CONTRA

Die Digital-Rights-Bewegung wird allgemein überschätzt. Sie ist vor allem ein Phänomen einer eher kleinen Blogosphäre und weniger Tausend Twitterer_innen. Erreicht hat die Bewegung bis auf zwei sehr heterogene Großdemos 2008 und 2009 bislang wenig; die Gesetze wurden eher noch verschärft. Außerdem ist es eine Ein-Themen-Bewegung. Wo ist die Rede von sozialen Kämpfen, Antifaschismus, Umweltschutz?
Eine Intervention in die digitale Bürger_innenbewegung ist zwar nötig, aber mehr als schwierig Daher sollte sich die Linke darum kümmern, dass auf den Großdemos im Antikapblock auch in Zukunft weitgehendere Forderungen gestellt werden und dieser nicht mehr durch digitale Nerds mit Piratenflagge gestört wird.
Die Gemeinsamkeiten mit linksemanzipatorischen Idealen sind zu gering, als dass sich eine Zusammenarbeit ernsthaft lohnen würde. Die Bürger_innenbewegten glauben daran, dass sie im Parlament bloß eine Mehrheit brauchen, damit die Gesetze revidiert werden. Dieser parlamentaristische und reformistische Ansatz ist aber falsch: Es gibt keine digitale Freiheit im falschen System. Auch wenn bestimmte Teile des Kapitalismus kritisiert werden (Patentwesen, Urheber_innenrechte), so gibt es doch keine umfassende Kritik an den herrschenden Verhältnissen, in denen diese geschaffen wurden. Die Kritik bleibt daher stark verkürzt und adaptiert Antikapitalismus nur da, wo es passt. Infolgedessen werden neue, postmoderne Geschäftsmodelle gefordert, bspw. die Kombination aus legalem Filesharing und Kommerz. Es handelt sich also auch um den Umverteilungsanspruch innerhalb der herrschenden Klasse oder den Versuch einiger, in diese aufzusteigen. Antikapitalistische Praxis sieht anders aus. Der wichtigste Unterschied ist eben nicht „0″ oder „1″, sondern der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital. Kritik an staatlicher Repression findet zwar punktuell statt, nicht aber Kritik an der grundsätzlichen Repressivität von Staaten. Wenn die Rede von „informeller Selbstbestimmung“ ist, meint damit niemand Autonomie. Der Kampf um geysellschaftliche Freiräume muss aber überall geführt werden, online und offline. Allein schon diese Differenzen machen es schwierig, in Zukunft zusammen für emanzipatorische Projekte zu kämpfen: Die Gemeinsamkeiten sind schlicht zu niedrig.
Dass es kaum Aussagen zu anderen gesellschaftlichen Debatten gibt, macht eine Zusammenarbeit schwierig und zeigt auch auch, dass die digitale Bürger_innenbewegung nicht gesamtgesellschaftlich agieren kann. Inhaltliche Aufschläge zu Themen wie Antisemitismus, Rassismus, Sexismus oder Transphobie blieben bislang aus. Die Bewegung ist zudem immanent liberalistisch. Hierzu passen nicht nur die Bejahung des Staates und von parlamententarischer Demokratie. Hierzu zählt auch die naive Auffassung, dass Geschlechterpolitik überholt sei, weil ja bereits alle gleichberechtigt wären. Auch die Zusammenarbeit mit und Toleranz von Nazis ist davon nicht trennbar. Wie auch in der heutigen FPÖ oder der frühen FDP scheinen tummel(te)n sich nicht aus Versehen zahlreiche Nazis. Das postideologische von wegen „nicht links, nicht rechts, einfach nur vorne“ haben schon die Futurist_innen propagiert. Postideologismus ist daher nicht anderes als dessen moderne Form. Der Postfuturismus birgt daher auch gewisse Gefahren. Allerdings muss mensch natürlich jeder neuen Bewgeung zugestehen, dass noch ein Entwicklungspotenzial da ist. Wenn sie noch lernt, dass unsere Rechte nicht erbettelt werden, sondern erkämpft, kann die Linke ja noch einmal darüber nachdenken, ob eine Zusammenarbeit doch lohnenswert ist. Bis dahin bleibt das: verlorene Liebesmüh’.

Vielen Dank an „Jan“ für die kritischen Anmerkungen und die vielen Diskussionen!

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