Male, Female, Neither

Die Standard berichtet, dass es Norrie May-Welby gelungen sei, in einem amtlichen Dokument bestätigt zu bekommen, „ohne bestimmtes Geschlecht“ zu sein. May-Welby:

Wenn mich jetzt jemand fragt: Sind Sie Herr oder Frau May-Welby, kann ich getrost sagen: Weder noch, und hier ist der Beweis.
Als nächstes soll der Pass geändert werden. Hierzu kommentiert Intersex and the City:
Nahezu jedes Dokument in nahezu jedem Staat verlangt von uns, eins der beiden Kotrollkästchen anzukreuzen, jegliche Abweichung dabei ist unzulässig. Intersexuelle werden so gezwungen, in diesen Dokumenten zu lügen. In diesen Dokumenten anerkannt zu werden, wäre eine großer Schritt hin zu Intersexuellenrechten und würde unsere Sache außerordentlich legitimieren. Es wäre auch interessant, wenn wir in den Bevölkerungszahlen berücksichtigt würden, die bloßen Zahlen würden zeigen, dass es und häufiger gibt, als der Großteil der Welt wahrnimmt. (eigene Übersetzung)
Intersex and the City kritisiert jedoch daran:
Ich bin kein großer Fan des Begriffs „ohne bestimmtes Geschlecht“, weil er Intersexuelle mit einem Begriff des Mangels versieht. […] Den Begriff „ohne bestimmtes Geschlecht“ zu verwenden ist ein Rückzieher. Er erlaubt die Existenz Intersexueller, aber entwickelt dies nicht zu der logischen Schlussfolgerung weiter, der Existenz eines gesetzmäßigen Dritten Geschlechts (sex). (eigene Übersetzung)
Ich persönlich bin ehrlich gesagt kein Fan der Volkszählung und tendiere auch eher dazu, dass mensch sich weder als Mann, Frau oder Drittes Geschlecht einordnen müssen sollte. Allerdings kann ich den Wunsch nachvollziehen, sich als weiteres Geschlecht sichtbar machen zu wollen, was ja auch ein Ziel der zweiten Frauenbewegung war. Vielleicht müssen alle Geschlechter erst einmal als solche erkannt werden, bevor ihre Grenzen überwunden werden können? In jedem Fall kann ich Norrie May-Welby nur gratulieren: Cheers!

[Update: 18. März 2010] Das new-south-walisische Standesamt hat sich dann doch mal eben umentschieden. Das ausgestellte Dokument verlange die „Eindeutigkeit“ des Geschlechts. Sexismus- und Bürokratieopfer May-Welby kommentiert:

Ich fühle mich gesellschaftlich gemeuchelt.
Der Behrdenkampf bis zur gesellschaftlichen Anerkennung hat also erst bekommen… Viel Glück, Norrie!

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0

Wer gendert, wird klar gemacht

Die Pirat_innen-Partei hat mal wieder die Leinen los einen großen Medienrummel erzeugt und versteht die Welt nicht mehr. Er ist bislang vergleichbar groß wie der letzte Medienrummel um den Geschichtsrevisionisten Bodo Thiesen ist er nicht . Diesmal hat die Berliner Piratin Lena Simon die Parole „Klarmachen zum Gendern“ ausgerufen – und wurde versenkt und gerat dann ins Schwimmen.

Sicherlich ist richtig, dass Lena Simon sich geschickter hätte verhalten können: Eine Pressemitteilung, die nicht Pressemitteilung der Partei ist, muss nicht im Wiki der Partei stehen, solange sie nicht authorisiert wurde. Die Pressemitteilung während einem Landesparteitag zu lancieren, auf dem sie selbst nur vorübergehend, so wurde mir aus Pirat_innenkreisen gesagt, anwesend war, ist nicht zielführend. Und auch dass sie den Antrag auf Wahl einer Frauenbeauftragten stellte, sich dann aber nicht mehr nachhaltig darum kümmerte und das Thema nicht in die Tagesordnung der Landesmitgliederversammlung aufgenommen wurde, war sicherlich eher kontraproduktiv. Denn in einer heteronormativen Gesellschaft müssen Frauenrechtlerinnen (leider, aber faktisch) eines sein: besser, korrekter als die anderen, unangreifbar.

In der Sache hat Lena Simon aber Recht: eine Partei, in der Männer dominieren, bedarf es Räume für Nichtmänner, sich unabhängig zu organisieren. (Die von ihr gegründete „Piratinnen“-Mailingliste ist ein solcher autonomer Frauenzusammenhang.) Und das hat sogar kaum etwas mit Minderheitenschutz zu tun, da es sich bei Frauen um eine gesellschaftliche Mehrheit handelt. Vielmehr resultiert dies aus Erfahrungen der Frauenbewegung aus den 1960er Jahren. (So gesehen hinkt die Piratenpartei in Ablehnung dessen 40 bis 50 Jahre der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher!)

In der Piratenpartei existieren bereits Netzwerke, die sich mit Gender beschäftigen: Da gibt es die AG Frauen, die AG 2X die AG Gender, die AG 2G und die Queeraten. Die AG 2G befasst sich mit gesellschaftlicher Gleichberechtigung und will „eine weitgehende Chancengleichheit in allen Lebensbereichen unter der Prämisse der Gleichberechtigung“ erreichen. Sie vertreten einen politologischen Ansatz, der den Themenkomplex gründlich aufarbeiten will. Ihr gehört allerdings auch der Pirat, Männerechtler und Querfrontler Arne Hoffmann an, der unter anderem den Gender Pay Gap anzweifelt. Die AG Frauen diskutiert Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung überwiegend im Forum, wo aber auch viel rumgetrollt wird. Ein feministischer Frühling ist daraus bislang nicht entstanden. Die AG 2X – 2X steht für den weiblichen Chromonensatz. – ist auf Öffentlichkeitsarbeit ausgerichtet und versucht mit einer gezielten Frauenansprache das Geschlechterverhältnis in der Partei auszugleichen. Die AG Gender scheint mir ein Mittelding aus den AG 2G und Frauen zu sein. Gründungspunkt war die massive Blogkritik am Umgang der Pirat_innen mit Genderthemen letzten Spätsommer. Die AG wollte helfen, die feministische Debatten der letzten Jahre nicht zu verschlafen. In Ihr engagiert sich u.a. auch Arne Hoffmann. Die AG Queeraten sind der lesbisch-schwul-bi-trans-inter-und-queere Teil der Pirat_innen und damit das queere Sammelbecken der Partei. Ihr Ziel ist, die heteronormative Matrix zu knacken und eine bunte, offene Gesellschaft zu verwirklichen. Außerdem gibt es noch die AG Männer (siehe auch: Arne Hoffmann). Dabei handelt es sich um den politischen Arm der antifeministischen Männerrechtsbewegung, der übrigens eine für Nichtmitglieder gesperrte Webseite (ag-maenner.de) hat – ein von niemandem kritisierter autonomer Männlichkeitszusammenhang! Es sei jedoch darufhin gewiesen, dass sowohl in der AG Männer als auch in der AG Frauen (und auch Gender und AG2) teilweise dieselben Personen aktiv sind, was ja irgendwie auch schon wieder etwas queer Anmutendes hat. – Die Konsequenz daraus ist jedoch, dass es tatsächlich bislang keinen autonomen Frauenzusammenhang gibt.

Dabei wäre das doch gar kein Problem: Hier könnte die Partei, die vorne und rational sein will, doch aus den Erfahrungen der Frauenbewegungen lernen und das sich ergänzende Nebeneinander von autonomenen Frauenzusammenhängen und gemischgeschlechtlichen Gendergruppen zulassen und fördern. Stattdessen hält sich die Partei für post everything und daher auch für postgender. Daher muss niemand angeben beim Parteieintritt wes Geschlecht er_sie ist. Die Bezeichnung für alle ist dann allerdings Pirat, andere Geschlechtlichkeiten werden in der Sprache bereits verdrängt. Daher ist es auch in Wirklichkeit nicht so, dass niemand sein Geschlecht nicht angeben muss und alle darüber hinweg seien. – Vielmehr ist es so, dass Nichtmännern (nicht männlich, nicht heterosexuell, nicht weiß) nicht die Chance gegeben wird, sich zu erkennen zu geben. Die anderen Geschlechtichkeiten in der Piratenpartei bleiben so unsichtbar.

Lena Simon geschieht nun das, was Frauenrechtler_innen überall und jedenorts passiert ist: Ihr schlägt blanker Hass entgegen. Frauen werfen ihr vor, die innerparteiliche Frauenfrage um Jahre zurückgeworfen zu haben. Bündische Männer fühlen sich verdrängt und angegriffen. Ihr wird Machtstreben, Egomanismus und Selbstsüchtigkeit, Mediengeilheit sowieso vorgeworfen. Allein, neu ist das Phänomen nicht: Olympe de Gouges, Christabel Pankhurst, Clara Zetkin und Alice Schwarzer hätten ein Lied davon singen können. Lena Simon spielt sicherlich nicht in deren Liga, ihr kann aber aus dieser Erfahrung heraus nur ein langer Atem gewünscht werden. Sie wird den Geschlechterdiskurs in der Partei auch nicht allein umdrehen können. Aber sie hat einer wichtigen Debatte das Fundament nun inneralb der Organisation gelegt. Die Pirat_innen können sich nicht mehr dagegen wehren.

Der Konflikt schlägt übrigens solche Wellen, dass selbst im Ausland davon berichtet wird: Geekfeminism berichtet. Ach ja, die Debatte innerhalb der Pirat_innen-Community wird derzeit von Yvi zusammengefasst:

We don‘t need to talk about gender equality in our party because we already have gender equality! Every woman who says otherwise is an evil bitch! The evil feminists are trying to exclude the poor men! Also, we don‘t need gender statistics in our party because we don‘t need to care – see above re: gender equality.
(zu deutsch: „Wir brauchen keine Debatte über Geschlechtergerechtigkeit in unserer Partei, weil wir längst Geschlechtergerechtigkeit haben! Jede Frau, die etwas anderes behauptet, ist eine üble Schlampe! Die bösen Feminist_innen versuchen Frauen Männer auszuschließen! Auch brauchen wir keine geschlechtsspezifischen Statistiken in unserer Partei, weil wir uns nicht darum scheren müssen – siehe oben re: Geschlechtergerechtigkeit.“)

Außerdem berichten nebst vielen anderen Gulli, Mädchenmannschaft und taz. FoeBud haben übrigens zur Debatte einen alten Text von Rena Tangens ausgegraben: Androzentrismus und Netze; der Text ist mal wieder hoch aktuell.

Da lässt sich nur offen, dass süffisanter Druck von außen wie auch schon in der Bodo-Thiesen-Affäre die Partei ins Grübeln bringt. Blogt was das Zeug hält, verschiebt den Diskurs!

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0

Israel und Taiwan müssen entfernt werden!

Die Internationale Telekommunikationsunion (ITU) hat auf ihrer Webseite eine Präsentation (PDF, 1,1 MB) hochgeladen, in der es um Breitbandkommunikation in Asien geht. Auf den Seiten 18 sowie 20 bis 22 wurden Grafiken mit einem roten Stempel versehen:

Taiwan (China) and Israel to be removed
Die ITU, deren Mitglied auch Israel ist, vertritt 191 Staaten (anscheinend nur 190) und besteht seit 145 Jahren.

HaGalil berichtet.

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0

Musikalische Zusammenfassung Dresden 13. Februar 10

Sektion Karen Eliot & The Antifa Swingers

Dresden Neustadt 2010 – Blockadesong from antifaswingers on Vimeo.

Presseschau

Dresden 13.02.2010 from Antifa Genclik on Vimeo.

… Eine schriftliche Zusammenfassung hat Indymedia.

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0, Videos: s. dort

Feminismus zum Gucken und Zocken

Die Jusos Salzburg von der Sozialistischen Jugend Österreichs haben eine Feminimuskampagne gestartet: Bad girl: this is what a feminist looks like. Dazu gibt es auch ein Video darüber, wie Feminist_innen aussehen. Damit wollen sie junge Menschen überzeugen, dass Feminist_innen eben nicht wie Alice Schwarzer (oder das österreichische Äquivalent) sind.

Wie mensch im Missy Magazine erfährt, wird das Jump‘n'Run-Spiel The Great Gianna Sisters, dass Super Mario ähnelt, neu aufgelegt. Wer also keinen Bock auf Macho-Mario hat, sei die Vorfreude gegönnt:

Ich probier das gleich mal aus. Den Download gibt’s auf www.gianas-return.de.

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0, Videos: s. dort.

Dresden? Da gibt’s doch bereits ein altes Rezept…

Hier ein paar nützliche Hinweise für Dresdenblocker_innen:

Und wer noch nicht weiß, was mensch in Dresden so machen kann, geben Classless Kulla & Istari Lasterfahrer ein paar Tipps:

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0, Musikvideo: s. dort

Leser_innenbrief an die Mädchenmannschaft

Liebe Meredith,

mit viel Interesse und Entsetzen habe ich deinen Beitrag auf maedchenmannschaft.denet über die junge türkische Frau, die von ihrer Familie im ostanatolischen Kahta lebendig begraben wurde, gelesen. Grund für den Mord: die 16-jährige soll mit Jungen gesprochen haben. Ihre Leiche wurde gefesselt und in sitzender Position eingebuddelt im Garten der Familie gefunden. Der „Familienrat“ soll die Exekution beschlossen haben. Der Großvater und der Vater wurden nach einem Hinweis aus der Bevölkerung inhaftiert. Sollten sie verurteilt werden, droht ihnen lebenslange Haft. Die Mutter wurde jedoch nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Süddeutsche Zeitung und The Guardian berichteten.

Dieser Mord an einer jungen Frau, die sich über die familiären Normen hinwegsetzte, ist menschenfeindlichlich, sexistisch, diskriminierend und antiemanzipatorisch zugleich. Ich glaube, dass wir uns da einig sind. Auch einig sind wir uns, dass dies kein Einzelfall ist, sondern ähnliche Fälle in dieser Region mehrmals pro Woche geschehen. Ich kann daher auch deine Fassungslosigkeit verstehen, deinen Ärger. Was ich jedoch nicht verstehen kann, ist, dass du dich deswegen fragst,

ob man eine ganze Region in Massentherapie schicken kann, ob Bildung, Aufklärung oder sonst irgendwelche Veränderungen der Rahmenbedingungen hier überhaupt etwas ändern können.
Erstens negierst du damit, dass es auch in Anatolien emanzipatorische Teile der Gesellschaft gibt, z.B. die Frauen(selbst)hilfegruppe VAKAD. Diese geht übrigens einem Bericht von Stop Honour Killings zufolge davon aus, dass Frauen und Mädchen in Ostanatolien heutzutage mehr Rechte haben und dass Polizei und Gerichte sich immer häufiger mit dem Themenkomplex „Gewalt gegen Frauen“ befassen (müssen). Darauf weist du ja selbst hin:
Gesetze tun es ja offenbar nicht, denn immerhin sind so genannte Ehrenmorde in der Türkei ja mittlerweile strafbar.
Damit hast du nicht ganz unrecht: Denn ein Gesetz, dass in der Bevölkerung nicht akzeptiert wird, ist ein wirkungsloses Gesetz. Gleichzeitig wird es wohl kaum ein Gesetz auf der Erde geben, dass nie angewandt wird: So ist in allen (mir bekannten) Ländern Mord verboten, trotzdem gibt es weltweit jährlich neue Ermordete. Dies ist jedoch kein Anlass, die gesamte Bevölkerung eines Landes oder Landstriches unter Generalverdacht zu stellen. Genau das tust du leider. Und du gehst noch einen Schritt weiter: Du wirfst die Frage auf, ob die Bevölkerung in der Osttürkei überhaupt in der Lage ist, zu lernen, sich zu bilden oder humanistische Maßstäbe zu akzeptieren. Das ist leider eine rassistische, kleinbürgerliche These, die davon ausgeht, dass das per se nicht möglich ist (und sich von deinen sonstigen Beiträgen auch qualitativ unterscheidet). Leben denn in der Türkei keine Menschen? Sind die Bewohner_innen dieses Landes (im Gegensatz zu anderen) nicht zur Vernunft befähigt? Gibt es keine Möglichkeit, dass sich Menschen dort emanzipieren? Warum nicht? – An deren Genen wird es ja sicherlich nicht liegen. (Diese Behauptung unterstelle ich dir nicht!) Vielleicht aber an der dortigen Kultur? Eine solche These, dass Menschen, die nicht in der westlichen Welt leben, alles Barbaren sind, halte ich jedoch für grundfalsch. Du übrigens auch.

Noch eine Frage: Glaubst du daran, dass Sexismus und Patriarchat therapierbar (Ich meine nicht „überwindbar“, sondern frage nach „therapierbar“.) sind?

Wie gesagt, ich finde es schlimm, was regelmäßig in vielen Teilen der Welt passiert: Mord an Frauen und Mädchen wegen der vermeintlichen Familien- oder Machoehre. Ich glaube aber weiterhin daran, dass Aufklärung, Bildung und die Stärkung emanzipatorischer Gruppen vor Ort möglich sind und auch der richtige Weg! Ich werde maedchenmannschaft.denet, ein übrigens herausragend gutes feministisches Blog, natürlich auch weiterhin lesen, genauso wie deine sonst recht differenzierten Beiträge!

Feministisch-emanzipatorische Grüße
Gnurpsnewoel

P.S.: Ich werfe Meredith nicht vor, grundsätzlich eine Rassistin zu sein, sondern den Inhalt dieses einen Absatzes. (Um mal gleich vorzubeugen…)

Update (6. Februar 2010): Meredith hat in einem Comment auf maedchenmannschaft.net nicht nur mir geantwortet. Ich finde das zwar nicht zufriedenstellend, aber immerhin… Es gibt von heidrun und mir auch eine Antwort.

Text: Creative Commons by-nc-sa 3.0



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